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Das Bierdeckeltestament (Testamentserrichtung)

Neulich hat mir ein Kollege erzählt, ein Mandant habe ihm einen Bierdeckel vorgelegt, auf dem ihn sein Freund zum Alleinerben eingesetzt habe. Er wollte wissen, ob es sich dabei um ein wirksames Testament handelt und er jetzt, nach dem Tod seines Freundes, tatsächlich Erbe geworden sei.

Mit einer vergleichbaren Frage musste sich schon das Reichsgericht im Jahr 1910 befassen. Damals hatte ein Erblasser seinen letzten Wille mit einem Griffel auf einer Schiefertafel verfasst.

Testamentserrichtung ist auf praktisch jedem Material möglich

Aufgrund der Wahl des Materials, auf dem er seinen letzten Willen niedergelegt hatte, war bezweifelt worden, der Erblasser habe den ernstlichen Willen gehabt, ein Testament zu errichten. Das Reichsgericht wies diese Bedenken jedoch zurück. Die bloße Verwendung ungewöhnlicher Schreibmaterialien stünden einer wirksamen Testamentserrichtung nicht entgegen.
Daraus wird geschlossen, dass ein Testament, sofern ein ernsthafter Wille zur Regelung der Erbfolge gegeben sei, auch auf einer Zimmerwand, einem Tischtuch oder auf Toilettenpapier errichtet werden könne. Daher konnte auch die Erbeinsetzung auf dem Bierdeckel wirksam erfolgen. 

Praxistipp:
Natürlich kann man nur empfehlen, eine letztwillige Verfügung auf üblichem Papier zu errichten, um jeden Zweifel am Testierwillen von vornherein zu vermeiden.

Formalien sind unbedingt einzuhalten

Noch ein paar Worte zu weiteren Formfragen:
Ein Testament muss vom ersten bis zum letzten Buchstaben handschriftlich durch den Erblasser persönlich erstellt werden. Es sollte Ort, Datum und muss eine persönliche Unterschrift tragen, wobei die Unterschrift die Testamentsurkunde abschließen muss. Das Testament kann jederzeit durch die Errichtung eines neuen Testaments widerrufen und/oder abgeändert werden.
Besonderheiten gelten für gemeinschaftlichen Testamente von Ehegatten. Diese können von einem der Ehegatten allein geschrieben werden. Die Urkunde muss dann aber von beiden Ehegatten persönlich unterzeichnet werden. 

Widerruf des Testaments gemeinschaftlich oder einzeln möglich

Ein Widerruf oder eine Änderung eines gemeinschaftlichen Testamentes ist unproblematisch, wenn beide Ehegatten das gemeinsam vornehmen. Das sollte aber ebenfalls schriftlich dokumentiert werden.
Will nur ein Ehegatte sich von dem gemeinschaftlichen Testament ohne Mitwirkung des anderen Ehegatten durch Widerruf lösen, bedarf dieser Widerruf der notariellen Form. Diese notarielle Erklärung muss dem anderen Ehegatten zugestellt werden.

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